Tollkirschen
Tollkirsche Samen - geheimnisvolle Giftpflanzen alter Wälder
Zwischen lichten Wäldern und Waldrändern wächst eine Pflanze, deren Name seit Jahrhunderten gleichermaßen Faszination und Unbehagen weckt: die Tollkirsche. Ihre unscheinbaren, braunvioletten Glockenblüten entwickeln sich zu glänzend schwarzen Beeren, die beinahe verführerisch wirken. Doch hinter dieser Schönheit verbirgt sich eine der bekanntesten Giftpflanzen Europas. Tollkirschen der Gattung Atropa gehören zu den Nachtschattengewächsen und verbinden wie kaum eine andere Pflanzengruppe Botanik, Mythologie, historische Pflanzenkunde und Medizingeschichte.
Atropa - Tollkirschen aus Europa und Asien
Die Tollkirschen bilden die Gattung Atropa innerhalb der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae). Wie viele Arten zu dieser Gattung gehören, wird taxonomisch unterschiedlich beurteilt. Neben der in Mitteleuropa heimischen Schwarzen Tollkirsche Atropa belladonna kommen weitere Vertreter vom Mittelmeerraum über den Iran bis zum westlichen Himalaja vor.
Die bekannteste Art ist Atropa belladonna. Die mehrjährige, kräftig wachsende Staude kann eine Höhe von etwa zwei Metern erreichen und besitzt große, weiche Blätter sowie nickende, glockenförmige Blüten. Aus ihnen entstehen kugelige Beeren, die bei Reife tiefschwarz glänzen und von einem auffälligen grünen Kelch umgeben bleiben. Bei anderen Arten kann das Erscheinungsbild abweichen: Atropa baetica aus Südspanien und Nordafrika beispielsweise bildet gelbe Früchte.
Eine Waldpflanze mit besonderen Standortansprüchen
Die Schwarze Tollkirsche ist eine typische Pflanze lichter Laub- und Mischwälder. Sie besiedelt Waldlichtungen, Kahlschläge, Waldränder und Wegränder und bevorzugt nährstoffreiche, häufig kalkhaltige Böden. Besonders nach Störungen des Waldbodens kann sie plötzlich in größerer Zahl auftreten. Mit ihrer kräftigen, fleischigen Wurzel überdauert sie als mehrjährige Pflanze den Winter und treibt im Frühjahr erneut aus.
Auch ökologisch sind Tollkirschen interessante Pflanzen. Ihre Blüten werden von Insekten besucht, während die reifen Früchte von verschiedenen Vögeln gefressen werden können. Diese tragen zur natürlichen Verbreitung der Samen bei. Was für den Menschen hochgiftig ist, stellt deshalb nicht automatisch für alle Tiere dieselbe Gefahr dar.
Atropa, Atropos und der abgeschnittene Lebensfaden
Schon der botanische Name verweist auf die besondere Stellung der Tollkirsche in der Kulturgeschichte. Atropa leitet sich von Atropos ab, einer der drei Moiren der griechischen Mythologie. Während die Schicksalsgöttinnen den Lebensfaden eines Menschen bestimmten, war es Atropos, die ihn schließlich durchschnitt. Für eine Pflanze mit derart wirksamen Inhaltsstoffen ist diese Namenswahl bemerkenswert passend.
Auch der Artname belladonna erzählt eine Geschichte. Das italienische Wort bedeutet „schöne Frau“ und wird traditionell mit der historischen Verwendung von Tollkirschenzubereitungen zur Erweiterung der Pupillen in Verbindung gebracht. Große, dunkle Pupillen galten zeitweise als Schönheitsideal. Was einst kosmetisch genutzt wurde, beruht auf derselben pharmakologischen Wirkung, die bestimmte Inhaltsstoffe der Tollkirsche später für die Medizin interessant machte.
Zwischen Heilpflanze, Zauberpflanze und Giftpflanze
Über viele Jahrhunderte gehörte die Tollkirsche zu den bedeutenden Pflanzen der europäischen Volksmedizin und Pflanzenkunde. Gleichzeitig war sie von Geschichten über Gift, Magie und Zauberei umgeben. Gemeinsam mit Stechapfel und Bilsenkraut wurde sie später besonders häufig mit den sogenannten Hexenpflanzen der europäischen Kulturgeschichte in Verbindung gebracht.
Hinter diesen Überlieferungen stehen reale und äußerst potente Pflanzeninhaltsstoffe. Tollkirschen enthalten Tropanalkaloide, insbesondere Hyoscyamin und Atropin sowie kleinere Mengen Scopolamin. Ihre Wirkung auf das Nervensystem erklärt sowohl viele historische Berichte als auch die Bedeutung einzelner isolierter Wirkstoffe in der modernen Medizin. Atropin wird bis heute als Arzneistoff eingesetzt. Die Tollkirsche selbst ist deshalb jedoch keineswegs eine Pflanze zur Selbstmedikation.
Eine schöne Pflanze mit hochgiftigen Früchten
Alle Pflanzenteile der Tollkirsche sind hochgiftig. Besondere Vorsicht ist bei den glänzenden Beeren geboten, da diese auf den ersten Blick an essbare Früchte erinnern können. Tollkirschen sollten deshalb nur dort kultiviert werden, wo Kinder und Haustiere keinen unbeaufsichtigten Zugang zu den Pflanzen und insbesondere zu den Früchten haben.
Ihre außergewöhnliche ethnobotanische und medizinische Geschichte macht Atropa zu einer faszinierenden Pflanzengattung für botanisch interessierte Gärtnerinnen und Gärtner. Historische Überlieferungen über ihre Verwendung dienen dabei ausschließlich der kulturgeschichtlichen Einordnung und sind nicht als Empfehlung zur Einnahme oder Anwendung zu verstehen.