Vielleicht ist für dieses Gartenjahr einfach genug
Dieses Jahr ist mein Garten zu heiß und zu trocken. Letztes Jahr waren Juli und August bei mir gefühlt nur nass. Dann kam Anfang Oktober der erste Frost und beendete die Saison ziemlich abrupt. Und wieder sitze ich da und frage mich:
Wie muss ich diesen Garten eigentlich verändern, damit er und ich mit dem zurechtkommen, was da kommt?
Ich mache mir gerade wieder viele Gedanken über meinen Garten.
Nicht darüber, welche Tomatensorte nächstes Jahr ins Gewächshaus kommt oder ob zwischen zwei Beeten noch Platz für ein weiteres Hochbeet wäre.
Es geht um etwas Grundsätzlicheres.
Wie gärtnert man weiter, wenn sich die Bedingungen verändern, unter denen man einmal angefangen hat zu gärtnern?
Diese Frage begegnet mir momentan auch immer wieder in den sozialen Medien. Manche Hobbygärtner*innen fragen ganz offen, ob es überhaupt noch Sinn macht, in diesem Jahr weiterzumachen. Der Aufwand, Pflanzen durch Hitze und Trockenheit zu bringen, ist hoch. Es wird gegossen, beschattet und gemulcht – und trotzdem sieht man Pflanzen leiden.
Für mich lautet die Antwort auf die Sinnfrage trotzdem: Ja, Gärtnern lohnt sich.
Aber daraus folgt nicht, dass jedes Gartenjahr um jeden Preis bis zum letzten möglichen Erntetag durchgezogen werden muss.
Die Probleme sind real
Es geht nicht einfach um persönliche Erschöpfung oder darum, dass uns plötzlich die Lust aufs Gärtnern fehlt. Wir reagieren auf reale Bedingungen, die den Garten zunehmend herausfordern können:
- lange Trockenperioden und stark austrocknende Böden
- Hitze und Hitzestress bei Pflanzen
- ein stark steigender Bewässerungsbedarf
- die Frage, wie viel Wasser wir für den Garten einsetzen können und wollen
- Starkregen statt gleichmäßig verteiltem Niederschlag
- zu nasse Phasen mit Fäulnis und Pilzkrankheiten
- Probleme bei Keimung, Blüte und Fruchtansatz durch ungünstige Temperaturen
- verschobene Aussaat-, Pflanz- und Erntezeiten
- Hagel, Sturm und andere Extremereignisse
- Frost, der eine Gartensaison sehr plötzlich beenden kann
- und vor allem: eine immer schwierigere Planbarkeit
Anfang August 2026 beschreibt der Deutsche Wetterdienst die Böden in Teilen Deutschlands als ungewöhnlich stark ausgetrocknet. Die Entwicklung der Bodenfeuchte weist dabei Ähnlichkeiten zu den Dürrejahren 2018 und 2022 auf. Im Süden waren die Böden teilweise sogar trockener als in diesen Vergleichsjahren.
Mein Salat wartet
Ein ziemlich unspektakuläres Beispiel zeigt mir gerade sehr deutlich, was diese Veränderungen für den Gartenalltag bedeuten.
Eigentlich beginnt jetzt wieder die Zeit, in der wir über die Aussaat von Wintergemüse nachdenken. Auch bei Magic Garden Seeds beschäftigen wir uns gerade damit.
Und trotzdem werde ich persönlich im Moment keinen Salat aussäen.
Es ist schlicht zu warm.
Bei Magic Garden Seeds führen wir regelmäßig Keimproben durch, um die Qualität unseres Saatguts zu überprüfen. Bei Salat funktioniert das unter den aktuellen hohen Raumtemperaturen nicht zuverlässig. Deshalb finden solche Keimproben momentan bei uns in einem temperaturgeregelten Kühlschrank mit Pflanzenlicht statt.
Und irgendwie finde ich dieses Bild sehr passend.
Natürlich könnte ich nun auch privat versuchen, möglichst perfekte Bedingungen für meine Aussaat herzustellen. Ich könnte kühlen, beschatten, kontrollieren und weiter optimieren.
Aber ich mache es nicht.
Ich warte.
Bis es hoffentlich wieder kühler wird.
Vielleicht müssen wir aufhören, alles durch Einsatz lösen zu wollen
Dieser Gedanke beschäftigt mich zunehmend.
Wenn über klimatische Veränderungen im Garten gesprochen wird, landen wir sehr schnell bei Lösungen:
Mulchen. Regenwasser sammeln. Humus aufbauen. Beschatten. Tiefgründiger gießen. Den Boden ganzjährig bedecken.
Alles richtig. Vieles davon mache ich selbst und halte es für ausgesprochen sinnvoll.
Aber vielleicht müssen wir trotzdem aufpassen, dass aus der Anpassung an den Klimawandel nicht einfach ein immer größerer persönlicher Aufwand wird.
Trockenheit betrifft schließlich nicht nur unsere Gurken und Zucchini. Sie beeinflusst Pflanzenwachstum, Landwirtschaft, Böden, Grundwasser und die Wasserverfügbarkeit insgesamt. Das Umweltbundesamt weist deshalb darauf hin, dass Anpassung an Trockenheit und Dürre eine Aufgabe weit über den einzelnen Garten hinaus ist.
Nachhaltiges Gärtnern kann nicht bedeuten, unbegrenzt Wasser, Material, Technik und Energie einzusetzen, damit der Garten genauso funktioniert wie früher.
Wir müssen langfristige Entscheidungen treffen, während sich die Bedingungen selbst verändern.
Also baue ich meinen Garten um. Aber wie?
Genau an diesem Punkt bin ich gerade wieder.
Ich beschäftige mich erneut mit Permakultur, Agroforst und regenerativer Landwirtschaft.
Ich denke über Bodenaufbau nach. Über Wasserrückhalt. Über dauerhafte Bodenbedeckung. Über mehrjährige Kulturen. Über Gehölze und darüber, wie Bäume und Sträucher irgendwann ein anderes Mikroklima schaffen könnten.
Vieles davon leuchtet mir ein.
Mein Garten braucht wahrscheinlich mehr Schatten. Mehr unterschiedliche Ebenen. Mehr Strukturen. Mehr Möglichkeiten, Wasser dort zu halten, wo es fällt. Weniger nackten Boden. Vielleicht andere Kulturen. Mit Sicherheit an manchen Stellen auch andere Erwartungen.
Und dann stehe ich vor einem ganzen Haufen neuer Fragezeichen, denn so ein Gartenumbau passiert nicht innerhalb einer Saison. Ein Baum, den ich heute pflanze, wirft nicht nächsten Sommer den Schatten, den ich mir wünsche. Bodenaufbau braucht Zeit. Ein stabiles Zusammenspiel aus Gehölzen, Stauden, einjährigen Kulturen, Bodenorganismen und Wasser entsteht nicht dadurch, dass man einmal einen schönen Permakulturplan zeichnet.
Und während ich meinen Garten auf die Zukunft vorbereite, kenne ich diese Zukunft nicht.
Vielleicht ist das für mich momentan eine der schwierigsten Erkenntnisse beim Thema Klimaanpassung.
Letztes Jahr zu nass. Dieses Jahr zu trocken.
Auch deshalb empfinde ich vereinfachte Aussagen über den Klimawandel als wenig hilfreich.
In meinem Garten waren Juli und August im vergangenen Jahr unglaublich nass. Dieses Jahr empfinde ich Hitze und Trockenheit als bestimmend. Anfang Oktober des letzten Jahres kam bei mir bereits der erste Frost und zog einen ziemlich radikalen Schlussstrich unter die Saison.
Das widerspricht dem Klimawandel nicht.
Klimawandel bedeutet nicht, dass ab jetzt jeder Sommer überall gleich heiß und trocken sein muss. Der Deutsche Wetterdienst beschreibt eine eindeutige Zunahme heißer Temperaturextreme; Veränderungen bei Niederschlägen sind komplexer und regional unterschiedlich.
Für mich als Gärtnerin kommt davon vor allem eines im Alltag an:
Verlässlichkeit geht verloren.
Der Gartenkalender kann mir weiterhin eine Orientierung geben. Aber er kann mir nicht sagen, ob es in meinem Garten gerade 18 oder 32 Grad hat. Ob der Boden feucht ist. Ob in zwei Wochen der ersehnte Regen oder die nächste Hitzeperiode kommt.
Pflanzen reagieren auf die Bedingungen, die tatsächlich da sind – nicht auf das Datum auf einer Samentüte.
Vielleicht gehört das Warten inzwischen zum Gärtnern
Deshalb werde ich meinen Salat noch nicht aussäen.
Und vielleicht werde ich in diesem Jahr auch manche andere Kultur früher beenden.
Die Bohnen dürfen irgendwann gehen.
Ein abgeerntetes Beet muss nicht zwangsläufig noch einmal bestellt werden.
Eine Pflanze, die nur noch mit täglicher intensiver Bewässerung überlebt, darf vielleicht auch einmal ihren Lebenszyklus beenden.
Das ist für mich kein Aufgeben.
Es ist auch kein Rückzug aus dem Garten.
Denn Gärtnern bedeutet für mich sehr viel mehr als Gemüseproduktion. Es bringt mich nach draußen. Es hält mich in Bewegung. Es verbindet mich mit Pflanzen, Erde, Wetter und Jahreszeiten. Genau deshalb möchte ich diesen Ort nicht zu einem permanenten Kampfplatz machen.
Vielleicht beginnt jetzt die Beobachtungszeit
Wenn ich weniger säe, weniger rette und weniger versuche, entsteht plötzlich Raum für andere Fragen:
- Wo ist mein Garten morgens noch kühl?
- Welche Stellen trocknen als Erste aus?
- Wo hält sich Feuchtigkeit überraschend lange?
- Welche Pflanzen kommen mit wenig zusätzlichem Wasser zurecht?
- Welche Kulturen haben dieses Jahr unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit gebraucht?
- Wo fehlt mir dringend Schatten?
- Welche Pflanzen schaffen selbst ein günstiges Mikroklima?
- Wo versickert Regen – und wo läuft er einfach davon?
- Welche Pflanzen und Sorten haben mich überrascht?
- Und was möchte ich im nächsten Jahr nicht noch einmal genauso machen?
Vielleicht sind die Antworten darauf gerade wertvoller als ein weiteres bestelltes Salatbeet.
Keine Patentlösung. Aber viele Möglichkeiten.
Ich weiß noch nicht, wie mein Garten in fünf Jahren aussehen wird.
Vielleicht werden mehr Gehölze darin wachsen. Vielleicht werde ich Gemüse anders verteilen. Vielleicht werden manche einjährigen Kulturen weniger Raum bekommen und mehrjährige Pflanzen mehr. Vielleicht werde ich stärker versuchen, Wasser im Garten zu halten, statt es im Sommer ständig hineinzutragen.
Ich werde weiter über Permakultur, Agroforst und regenerative Ansätze lesen und ausprobieren, was davon für meinen eigenen Garten sinnvoll ist.
Und ich werde vermutlich Fehler machen.
Das gehört dazu.
Vielleicht sollten wir überhaupt weniger nach der einen perfekten Lösung suchen.
Vielfalt könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Genau an dieser Stelle schließt sich für mich auch der Kreis zu Magic Garden Seeds. Die Beschäftigung mit samenfestem Saatgut, alten Sorten und ungewöhnlichen Pflanzen bedeutet eben nicht nur, etwas Bewahrenswertes aus der Vergangenheit zu erhalten. Sie eröffnet uns auch die Möglichkeit, Unterschiede wahrzunehmen, Erfahrungen zu sammeln, Saatgut weiterzuvermehren und genauer zu beobachten, welche Pflanzen unter unseren jeweiligen Bedingungen funktionieren.
Das passt zu dem Gedanken, der Magic Garden Seeds von Anfang an geprägt hat: besonderes samenfestes Saatgut zugänglich zu machen und Wissen rund um Pflanzen und Vielfalt weiterzugeben.
Für heute stelle ich die Gießkanne vielleicht einfach hin
Ich werde jetzt jedenfalls keinen Salat aussäen.
Ich warte.
Und vielleicht setze ich mich stattdessen in meinen Garten und schaue ein bisschen genauer hin. Nicht, weil ich aufgegeben habe, sondern weil ich verstehen möchte, wie dieser Garten weitergehen kann.
Vielleicht ist dieses Beobachten, Abwarten und Neuüberlegen gerade keine Pause vom Gärtnern.
Vielleicht ist es eine meiner wichtigsten Aufgaben. Tatsächlich finde ich dieses Fazit sehr entspannend.
Und wie sieht es bei Dir aus?
Was macht dieses Gartenjahr mit Deinen Plänen? Hast Du Aussaaten verschoben, Kulturen aufgegeben oder begonnen, Deinen Garten grundsätzlich neu zu denken? Beschäftigst Du Dich ebenfalls mit mehr Schatten, Wasserrückhalt, Permakultur, Agroforst oder anderen Möglichkeiten der Klimaanpassung?
Schreib uns gerne von Deinen Beobachtungen und auch von Deinen Fragezeichen. Gerade bei diesem Thema können wir wahrscheinlich sehr viel voneinander lernen.